Die Mainzer Orgelbauerfamilie Dreymann


Bernhard Dreymann (1788 - 1857)
Bernhard Dreymann wurde am 27. Juni 1788 in Beckum/Westfalen getauft. Sein Vater Johann Hermann Dreymann (1759-1833) war Orgelbauer und zugleich Organist an der Beckumer St. Stephanskirche. Bei ihm ging Bernhard in die Lehre und begab sich anschließend 1817 auf die Wanderschaft, um sich bei anderen Orgelbauern in seiner Kunst zu vervollkommnen. Der Weg führte ihn u. a. zu Caspar Melchior Vorenweg in Münster, Engelbart Maaß in Köln, Johann Simon Buchholz in Berlin, Johann Andreas Uthe in Dresden, Carl Heinrich von Knoblauch in Halle und Christoph Erler in Wien. 1821 kam Dreymann nach Mainz, wo er zunächst in der Werkstatt des 1808 verstorbenen letzten domkapitelschen Orgelmachers Franz Xaver Ripple in der Schaafgasse 19 arbeitete. Anderthalb Jahr später übertrug ihm Ripples Witwe den Betrieb mit den bisherigen Kunden. Dreymann konnte daraufhin das Bürgerrecht erwerben und Katharina Josepha Wiss, die Tochter eines ortsansässigen Seilermeisters, heiraten. 1833 bezog er ein neues Haus im Thiergarten Nr. D 180 (heute Schillerplatz/Ecke Emmeranstraße).
Dreymann-Werkstatt
Die politische Neuordnung von 1815 wirkte sich günstig auf die Entfaltung der Dreymann-Werkstatt aus: So galten etwa die Vertreter der Orgelbauwerkstatt Stumm im neu geschaffenen Großherzogtum Hessen-Darmstadt als Ausländer, da der Hunsrück seit jener Zeit zu Preußen gehörte. Weiterhin ließ die im Vergleich zu den Dreymanns und anderen zeitgenössischen Orgelbauern äußerst zurückhaltende Übernahme von Dispositions- und Bauprinzipien des 19. Jahrhunderts (z. B. Auslassen von Aliquoregistern, tiefchörige Mixturen, Nebenmanual, Kastenbälge) die vierte und fünfte Stumm-Generation offenbar als nicht mehr auf der Höhe der Zeit stehend erscheinen. Dies dürften die Gründe sein, warum lukrative Neubauten für große Kirchen (z. B. Dudenhofen/Hessen, Beerfelden/Odenwald, Bodenheim, Mainz/St. Ignaz, Eich/Rheinhessen, Mainz/St. Stephan, Bad Homburg-Kirdorf) nicht ihnen, sondern Bernhard Dreymann übertragen wurden. Auf der anderen Seite konnte insbesondere Bernhard Dreymann durch seine ausgeprägte Geschäftstüchtigkeit und seinen hervorragenden Ruf nicht nur in Mainz und im Großherzogtum Hessen-Darmstadt tätig sein, wo er keine Konkurrenz zu fürchten hatte, sondern auch zahlreiche Instrumente in das benachbarte Herzogtum Nassau, in die Pfalz (Alsenbrück) und nach Belgien (Brüssel/Schlosskapelle 1840, Brüssel/Notre Dame aux Riches Claires 1846, Antwerpen/Protestantische Kirche 1846) liefern. Dabei war für ihn ebenso die große Förderung durch den Darmstädter Hoforganisten Christian Heinrich Rinck von herausragender Bedeutung. Ergebnislos blieb jedoch der Versuch, auch in der westfälischen Heimat Aufträge zu bekommen.
Dem Urteil seiner Zeitgenossen zufolge war Dreymann schon zu Lebzeiten ein anerkannter und gefragter Orgelbauer. Ihm gelang es, durch die Anknüpfung an Traditionen seiner neuen Heimat sowie durch die in der Folgezeit immer stärker werdende Auseinandersetzung mit Eberhard Friedrich Walker einen Personalstil zu entwickeln, der im mittelrheinischen Raum eine einzigartige Stellung einnimmt.
Drei Phasen des Orgelschaffens
Die Frühphase
Das Orgelschaffen kann in drei Phasen eingeteilt werden. Die Frühphase (1823-1839) zeichnet sich durch die Orientierung an überkommenen Dispositionsprinzipien aus, die Bernhard Dreymann in Mainz und Umgebung bei Stimmungen und Reparaturen an Orgeln etwa von Dahm, Hoffmann, Kohlhass, Onimus, Schöler oder Stumm kennen gelernt hatte. Die 1937 erbaute Orgel für Sankt Ignaz in Mainz steht am Wendepunkt von der frühen zur mittleren Schaffensphase und repräsentiert Dreymanns größtes und bedeutendstes Werk in Deutschland. Charakteristisch ist ferner seine bis zur Spätphase beibehaltene Vorliebe für klassizistische Gehäuse.
Die Mittelphase
In der Mittelphase (1840-1846) trägt Dreymann einer neuen Klangästhetik Rechnung, die von der 1833 für die Paulskirche in Frankfurt gebauten Orgel von Eberhard Friedrich Walker ausging und die vielleicht auch durch Wünsche und Vorlieben von Organisten und Orgelsachverständigen propagiert wurde. Hierzu zählen Eigenschaften wie verstärkte Grundtönigkeit, Aufgabe hoher Aliquoregister, dynamische Abstufung der Manuale sowie die Flexibilisierung des Klanges durch den Bau einschlagender Zungenregister. Die große Orgel für die Brüsseler Kirche Notre Dame aux Riches Claires (1846 erbaut und 1989 durch Brandstiftung zerstört) stellt den Höhepunkt dieser Entwicklung im Dreymannschen Werk dar. Hier fasste Dreymann seine Erfahrungen mit der Frankfurter Paulskirchenorgel zusammen und führte gleichzeitig sein Schaffen auf einen nicht wieder erreichten Höhepunkt. So besaß das Pedal z. B. einen offenen Violonbaß 32’ und eine einschlagende Bombarde 32’. Nach einem Bericht des Seminarlehrers Wilhelm Volckmar (1812-1887) aus Homberg in der Orgelzeitschrift „Urania“ war das Pedal sogar mit zwei Klaviaturen ausgestattet. Das Hauptmanual war u. a. mit Principal 16’ und Posaune 16’ disponiert und das Nebenmanual war schwellbar eingerichtet.
Der Spätstil
Trotzdem konnte Bernhard Dreymann in Belgien nicht in dem Maße Fuß fassen, wie er es sich anfangs nach dem erfolgreichen Orgelbau für die Brüsseler Schlosskapelle (1840) erhofft hatte, da er dem mächtigen Konkurrenzdruck Joseph Merklins – seit 1843 in Brüssel ansässig – nicht gewachsen war. Sein ab 1851 nachweisbarer und durch große Schlichtheit geprägter Spätstil zeichnet sich u. a. aus durch die Abkehr von Registern nach Walkerschem Vorbild, die Wiederaufnahme des lückenlosen Principalchors mit der Quinte 2 2/3’ im Hauptmanual sowie den häufigen Wegfall der Octave 4’ im Pedal (Betonung der Bassfunktion).
Bernhard Dreymann starb am 10. Januar 1857 in Fenain (Nordfrankreich) an einer Blutvergiftung, die er sich beim Aufbau der Orgel in der dortigen Pfarrkirche St. Andrè zugezogen hatte.
Hermann Dreymann (1824 - 1862)
Hermann Dreymann kam am 1. März 1824 in Mainz zur Welt und erwarb 1855 die väterliche Werkstatt für 3.000 Gulden. Bis 1861 fertigte er 17 Orgeln mit ca. 218 Registern an. Zu seinen wichtigsten Schöpfungen zählen die Orgeln von Mainz/St. Stephan (1859) und Bad Homburg-Kirdorf (1861). In seinem Gesamtwerk verdienen ferner die Orgeln in Belgien (Woubrechtegem, Hansbeke) und Frankreich (Fenain) besondere Beachtung.
Kennzeichnend für seine Instrumente ist die Bevorzugung neugotischer Gehäuse, die Einführung des Registerpaares Basson-Hautbois (Baß/Diskant) im Nebenmanual und die Erweiterung des Pedalumfanges auf 27 Töne (C-d’) bei großen zweimanualigen Orgeln.
Hermann Dreymann starb bereits fünf Jahre nach dem Tod des Vaters am 15. September 1862 in Langenschwalbach, dem heutigen Bad Schwalbach, an einer Lungentuberkulose.
Posthume Dreymann-Orgeln
Seine Gesellen Johann Georg Finkenauer und Philipp Embach übernahmen kompromisslos den Werkstil ihres Lehrherrn. Aus ihrer Werkstatt gingen von 1865 bis 1868 vier kleine einmanualige Instrumente mit zusammen 33 Registern hervor. Die beiden 1865 gebauten und bis heute erhaltenen Werke in Grünberg-Lardenbach (Oberhessen) und Kriegsheim (bei Worms) können als posthume Dreymann-Orgeln angesehen werden.
Zu weiteren Gesellen, von denen sich manche später selbstständig machten, gehörten u. a. Christian Heinrich Voigt (1803-1868), Jacob Köhler (?-1877), Carl Rudolf (1804-1863) oder Richard Ibach (1812-1889), Johann Georg Förster (1818-1902) sowie Kaspar (1820-1863) und Martin Josef Schlimbach (1841-1914).
Insgesamt gingen aus der Dreymannschen Werkstatt 71 Orgeln mit zusammen mehr als 1015 Registern hervor. Eine derart hohe Produktivität ist ohne den Einsatz rationeller Fertigungsprozesse undenkbar. So wurden Gehäuse nicht von Grund auf neu konzipiert, sondern aus Standardformen entwickelt. Die Windladen wurden nach einem vorgegebenen Schema gefertigt (gespundete Technik, einheitlicher Tonumfang, diatonischer und/oder chromatischer Tonverlauf bei Bernhard Dreymann, Terzenteilung bei Hermann Dreymann sowie Finkenauer & Imbach). Ferner waren in der Werkstatt Register und mechanische Teile wie Klaviaturen, Abstrakten, Federn etc. immer vorrätig, so dass Neubauten oder Reparaturen kurzfristig ausgeführt werden konnten.
Dass man eher auf bewährte Methoden zurückgriff als neue Lösungen zu entwickeln, ist für die rationelle Arbeitsweise der Dreymann-Werkstatt charakteristisch. Dies erklärt auch die im Vergleich zu Walcker späte Einführung der seinerzeit modernen Kastenbälge (1846) sowie der einmalige Bau eines Schwellkastens (1846) und einer Kegellade (1852).
Dieses hohe handwerkliche Niveau konnten sowohl sein Sohn Hermann als auch dessen Nachfolger Finkenauer und Embach fortsetzen, bis die Werkstatt 1866 dem starken Konkurrenzdruck anderer im Mainzer Raum tätiger Orgelbauer nicht mehr gewachsen war und um das Jahr 1877 aufgegeben werden musste. Eine mehrere Jahrhunderte währende Mainzer Orgelbautradition war damit zu Ende gegangen.
(Quelle: Motette Musikverlag – Text: Achim Seip)

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